Dienstag, 21. März 2017

Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer

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Unsere Schule

Vom Leben und Überleben im Deutschland der Nazizeit, im KZ Theresienstadt und im heutigen Deutschland und Israel



Leibniz schreibt in seiner Monadologie:
„Denn an uns selbst lernen wir durch die Erfahrung Zustände kennen, in welchen uns weder eine gehörige Erinnerung, noch irgend eine deutliche Vorstellung zu Gebot steht. Dergleichen sind Schwäche, Ohnmacht, oder ein tiefer traumloser Schlaf, der uns gefangen hält. In diesen und ähnlichen Lagen unterscheidet sich die Seele nicht merklich von einer bloßen Monade, und steht nur insofern höher denn diese, als jene Zustände bei ihr von keiner Dauer sind, sondern sie sich durch eigene Kraft aus denselben emporzuraffen vermag.“
(Leibniz, Gottfried Wilhelm: Leibnitz’ Monadologie. Deutsch mit einer Abhandlung über  Leibnitz’ und Herbart’s Theorie des wirklichen Geschehens, von Dr. Robert Zimmermann. Wien: Braumüller & Seidel 1847; S. 15, § 20.)
Erinnerung und deutliche Vorstellungen sind es also, was uns in Leibnizens Augen über die einfachen seelenlosen Monaden hinaus hebt und uns als Menschen ausmacht.
Ohne Erinnerungen wären wir demnach schwach, ohnmächtig, hilflos.
Das gilt insbesondere dann, wenn Erinnerung dazu dient, aus Vergangenem zu lernen, um sich aktuellen Herausforderungen gezielt stellen zu können.
Ganz konkret gilt es zum Beispiel heutzutage, wenn unsere demokratischen Werte vom Chauvinismus nationalistischer Radikaler bedroht, weltanschauliche Toleranz von religiösen Fundamentalisten untergraben und die Erinnerungskultur unserer Zivilisation von populistischen Politikern infrage gestellt wird.
Da gilt es, dagegenzuhalten, und dazu ist man am ehesten dann in der Lage, wenn man in heutigen Aussagen, Positionen und Prozessen Muster wiedererkennt, deren Schädlichkeit man ebenso historisch belegen kann wie die Notwendigkeit ihres Scheiterns.
Wenn nationalistische Politiker den Holocaust und/oder andere Völkermorde kleinreden oder leugnen, wenn sich machthungrige Politiker wie Hitler gebärden oder gar selbst mit ihm vergleichen und ihnen Massen ebenso unreflektiert folgen wie vor nicht einmal einem Jahrhundert, dann kann man froh sein, dass es noch Menschen gibt, die sich an die Geschehnisse von damals aus erster Hand erinnern, andere daran teilhaben lassen und so deutliche Vorstellungen davon vermitteln können, wie es damals war und wie es auf keinen Fall wieder werden darf.
Die Generation heutiger SchülerInnen wird eine der letzten sein, die noch das Privileg besitzen, Zeitzeugen des Holocausts unmittelbar kennenlernen und sprechen zu können.
Wenn sich dann noch eine Zeitzeugin findet, die biographisch eng mit der Heimatstadt der SchülerInnen verbunden ist und ihnen so trotz aller biographischen Unterschiede doch ganz fassbar nahesteht, dann rückt ihr Erleben ganz nah mit dem der SchülerInnen zusammen und schafft ein gemeinsames fruchtbares Fundament, auf dem sich immer wieder gemeinsame Anknüpfungspunkte finden und Erinnerungen lebendig mitteilen und teilen lassen.


Zeitzeugin Liesel Binzer hat als Kind das KZ Theresienstadt er- und überlebt und berichtet gemeinsam mit ihrer Tochter von ihrem Leben.



So war es auch beim Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer, die als Fünfjährige ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, den Holocaust glücklicherweise und erstaunlicherweise gar gemeinsam mit ihren Eltern überlebte und sich später in Offenbach ein neues Leben aufgebaut hat. Gemeinsam mit ihrer Tochter sprach sie vor und mit SchülerInnen der Jahrgangsstufe 9 und des diesjährigen Abiturjahrgangs. Herr Kegler und Herr Keller, die beide diese SchülerInnen unterrichten, bereiteten das Gespräch im Unterricht vor und nach, hatten es organisiert und begleiteten auch die Veranstaltung selbst.
Frau Binzer erzählte, unterstützt durch Fotografien, ihre Lebensgeschichte. Sie schilderte die Situation der Juden in Deutschland vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ließ die zunehmende Ausgrenzung der Juden in all ihren Formen Revue passieren, berichtete vom Leben und Überleben im KZ Theresienstadt, beleuchtete die Schwierigkeiten des Neuanfangs im Nachkriegsdeutschland inmitten zahlloser unbehelligt gebliebener Nazis und schloss mit der Präsentation ihrer Familie und deren Bemühen um die Akzeptanz ihres jüdischen Lebens im Hier und Heute, in Deutschland ebenso wie in Israel, wohin ihre Tochter ausgewandert ist.
Es war eine ungewöhnliche Perspektive, die Frau Binzer bot. Sie hat die Zeit des Nationalsozialismus aus dem Blickwinkel eines Kindes wahrgenommen, und so unterschieden sich ihre Erlebnisse – und Zeugnisse – bereits deutlich von denen, die die Generation der heutigen Lehrer von Zeitzeugen zu hören gewohnt sein dürfte. Das mInderte allerdings keineswegs den Wert dieser Erinnerungen, sondern rückte die Zeit in ein für das gesamte Publikum neues Licht. Selbst die Lehrer dürften manches auch für Sie neue Ungehörte und Unerhörte erfahren haben.


Frau Binzer (als "Child Survivor") vermittelt den SchülerInnen eine besondere Perspektive auf das Leben als Jude in Deutschland vor, während und nach dem Krieg bis heute.


Ihr Bericht bewegte das Publikum sichtlich. Das zeigte sich zum einen an der aufmerksamen Ruhe der SchülerInnen, zum anderen aber auch sehr deutlich an den Fragen, die im Anschluss aus dem Plenum an Frau Binzer gerichtet wurden.
Man interessierte sich beispielsweise dafür, inwieweit ihr als Kind die Lage der Juden bewusst und spürbar wurde. Während einerseits im KZ die Kinder abgeschottet von den Erwachsenen von jüdischen Gefangenen betreut wurden, die sich mühten, den Kindern die Zeit so angenehm wie unter den gegebenen Umständen möglich zu machen, spürte sie andererseits schon vor der KZ-Zeit in verschiedenen Situationen, dass sie als Jüdin zunehmend anders angesehen, anders behandelt wurde.
Ob sie sich dann gewünscht habe, keine Jüdin zu sein, wurde sie gefragt. Als Kind, in manchen Situationen, gänzlich unreflektiert, durchaus. Heute kommt es ihr ebenso wie ihrer Tochter aber darauf an, dass sie unbehelligt ihren kulturellen Gepflogenheiten nachgehen können, ohne deshalb als andersartig angesehen zu werden. Sie wollen sie selbst sein dürfen und sich darin als ganz normal wahrgenommen und akzeptiert fühlen.
In Zeiten, in denen es für SchülerInnen mit Migrationshintergrund oft an der Tagesordnung ist, sich mit der Ambivalenz des Wunsches nach eigener Akzeptanz einerseits und dem Bedürfnis nach identitätsstiftender Abgrenzung von anderen, die mitunter das Risiko von deren Ausgrenzung eingeht, auseinandersetzen, ist es erhellend zu hören, dass auch diese Problematik keineswegs eine neue ist, und das sid nicht bloß eine bestimmte Gruppe von Migranten betrifft, sondern eine vielfältig geteilte Grunderfahrung ist.
Ob Frau Binzer angesichts der Untaten der Nazis am Glauben habe festhalten können, lautete eine Frage aus dem Plenum. Sie habe bis heute Zweifel, räumte sie ein, denn es könne nicht Gottes Wille gewesen sein, dass 6 Millionen Juden ermordet wurden – und das nur wegen ihrer Religion. Auch dieses Thema könnte aktueller kaum sein in einer Zeit vorgeblich religiös motivierter Kriege und im Namen der Religion begangenen Terrors.
Ob Sie je Rachegedanken gehegt habe, wollte ein Schüler wissen. Höchstens als Kind, überlegte Frau Binzer, aber sie hätte daran nie festhalten können, noch wollen. Rachegedanken zerstörten einen nicht zuletzt auch selbst, stellte sie klar und gab in ihrer Versöhnlichkeit ein Beispiel dafür ab, dass und wie es möglich ist, die Gewaltspirale zu durchbrechen, in denen sich vielerorts Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen aufreiben. Sid lehnt Gewalt und Krieg strikt ab, das ist eine der wichtigsten Lektionen, die sie im Krieg gelernt hat und nun weiterzugeben bemüht ist.
Deutschland sei trotz allem ihr Heimatland und das Land ihrer Muttersprache. Sie hat sich mit ihren Eltern auf das Wagnis eingelassen, zurückzukehren. Früher sei es denn auch tatsächlich schwer gewesen, sich den eigenen Erlebnissen zu stellen, als sie noch jünger gewesen sei, heute gelinge es ihr besser, darüber zu sprechen. Man müsse im Leben immer positiv denken, sich den Optimismus bewahren, sonst bekomme man Probleme mit der Seele.
Offenbach ist ihr eine neue Heimat geworden, eine Stadt, die sich in ihren Augen sehr positiv entwickelt habe, "multikulti", jeder werde akzeptiert, wie er sei, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunft. Das solle bitte so bleiben.
Das war mehr als nur ein Bekenntnis zu dieser Stadt, die sich glücklich schätzen kann, aus dem Munde einer Zeugin derartiger Geschehnisse, wie Frau Binzer sie erleben musste, ein solches Lob zu erfahren. Es war zugleich auch ein Appell an die vor ihr sitzenden jungen OffenbacherInnen, unverdrossen daran mitzuwirken, dass chauvinistischer Separatismus die städtische Gemeinschaft bedroht, die sich durch ihre "unitas in multitudine" auszeichnet, wie sie Leibniz nennen würde.
Vortrag und Gespräch trafen und betrafen die SchülerInnen offensichtlich in hohem Maße. Einige blieben noch lange nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, um die Gelegenheit zu nutzen, das Gespräch mit Frau Binzer und ihrer Tochter fortzusetzen. Die Themen, die dabei zur Sprache kamen, gingen weit über die Nazizeit hinaus.
Nicht zuletzt brannten ein paar palästinensische Schülerinnen darauf, mit Frau Binzer Tochter über die Situation in Israel zu sprechen, die sie als dort Ansässige ja aus erster Hand kennt. Obgleich man nicht in allen Details einer Meinung war, war man sich doch unzweifelhaft einig darin, dass man stets bereit sein müsse, ungeachtet der weltanschaulichen Unterschiede einander schlicht als Menschen zu begegnen und möglichst unvoreingenommen sich auf das Gespräch miteinander einzulassen.
Auch dass es Ziel sein müsse, dass beide Völker gemeinsam und voneinander unbehelligt in Israel leben können, war man sich gänzlich einig.

Frau Binzers in Israel lebende Tochter im offenen Gespräch mit unter anderem auch palästinensischen Schülerinnen.


Alles in allem konnte man in dieser Veranstaltung, im Teilen der Erinnerungen und im Austausch miteinander, aus der Vergangenheit lernen für Gegenwart und Zukunft, für Toleranz und ein friedliches Miteinander der Kulturen in einer gemeinsamen Welt, die in solcher Form Leibniz sicherlich als "die beste aller möglichen Welten" ansähe…
(Blu)

Samstag, 4. März 2017

Guy Stern: „Ich hatte ungeheures Glück“

Guy Stern: Holocaust-Überlebender und Wissenschaftler im Interview zu seinem 95. Geburtstag

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Guy Stern im Mai 2016 in seiner Geburtsstadt Hildesheim, deren Ehrenbürger er ist.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa – Quelle: http://www.mz-web.de/25537604 ©2017


Halle (Saale)/Detroit -
Geboren am 14. Januar 1922 in Hildesheim, gelang Günther Stern 1937 als Einzigem aus seiner deutsch-jüdischen Familie, in die USA zu emigrieren. Seine Eltern und seine beiden Geschwister kamen im Holocaust um.
Guy Stern, wie er nun hieß, landete 1944 als Freiwilliger einer militärischen Aufklärungseinheit der US-Armee in der Normandie. Später studierte er Literaturwissenschaften, wurde Professor und ist bis heute als Gelehrter tätig - auch bei regelmäßigen Besuchen in Deutschland.
1998 hielt er zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht eine Rede im Deutschen Bundestag. Mit Guy Stern sprach Andreas Montag.
Herr Stern, Sie werden jetzt 95 Jahre alt, Sie arbeiten wissenschaftlich, Sie publizieren und sind von beneidenswerter Präsenz. Wie schaffen Sie das?
Stern: Das Geheimnis ist: Ich halte Diät. Ich treibe Gymnastik, jeden Morgen. Mentales Training kommt hinzu. Und (lacht) eine junge Frau.
Kurz nach Ihrem Geburtstag wird Donald Trump ins Weiße Haus einziehen. Wie geht es Ihnen damit?
Stern: Am 20. Januar wird mir übel werden.
Es gibt bei Ihnen in den USA, aber auch in Europa große Befürchtungen wegen Trumps Politik. Kommen unruhige Zeiten auf uns zu?
Stern: Genau das. Und zwar deshalb, weil Trump vollkommen unberechenbar ist. Was er heute sagt, kann morgen dementiert werden. Und umgekehrt. Deshalb sind die Sorgen berechtigt - sowohl, was unsere Innenpolitik betrifft, als auch die auswärtigen Beziehungen. Es kann gut sein, dass er sich morgen mit Putin überwirft, obwohl ich persönlich daran nicht glaube.
Der Wahlerfolg Trumps liegt im Trend, überall sind die Populisten auf einer Welle des Erfolges: in Ungarn, der Türkei, Großbritannien, Deutschland ...
Stern: Und in Frankreich!
Wenn Ihnen das Sorgen bereitet -- welche ist die größte davon?
Stern: Es ängstigt mich diese Unberechenbarkeit. In Deutschland zum Beispiel haben sich alle möglichen Leute um die Fahne der AfD geschart. Da weiß man nicht, wer morgen die Führung übernehmen wird. In den USA ist es Trump, der führen wird, aber man weiß nicht, was er vorhat. Könnte man das voraussehen, ließen sich Gegenmaßnahmen planen.
Und die Kritiker in seiner eigenen Partei sind still geworden.
Stern: Die meisten Republikaner reden ihm nach dem Mund. Ich sehe nur wenige im republikanischen Lager, die sagen würden: Bis hierher und nicht weiter, das ist gegen unsere demokratische Verfassung.
Die populistische Bewegung geht immer stärker mit einer Betonung des Nationalen, ja des Nationalistischen einher. Und man entfernt sich von Verabredungen, von Solidarität.
Stern: Solidarität sehe ich kaum noch, auch in den USA nicht. Früher war es so, dass Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern doch wenigstens miteinander reden und Kompromisse finden konnten. Das ist jetzt anders. Ich sage dies freilich, ohne ein ausgewiesener Experte für Politik zu sein. Allerdings vertrete ich die Meinung vieler meiner Kollegen an der Universität.

Guy Stern über Donald Trump: „Setzt sich gerne über Gesetze hinweg“

Sie selbst sind Opfer einer Politik geworden, die aus dem Ruder der Zivilisation gelaufen ist. Also in besonderer Weise sensibilisiert?
Stern: Ja, das glaube ich schon. Im Januar 1933, als Hitler an die Macht kam, saßen wir zu Hause am Esstisch. Meine Eltern sagten: Ach, der wird auch abwirtschaften! Schließlich haben wir eine Verfassung und ein Parlament, das Ausschreitungen im Wege stehen wird. Nun, wir wissen, dass die Verfassung binnen eines halben Jahres nur ein Stück Papier war und das Parlament schließlich nur noch aus einer Partei bestand.
Was Trump betrifft, so handelt er allerdings nicht aus ideologischen Motiven. Insofern wird er nicht so weit gehen wie die Nationalsozialisten. Aber er setzt sich gern über Gesetze hinweg.
Sie sprachen von dem schrecklichen Irrtum vieler Deutscher, auch vieler deutscher Juden, es würde schon nicht so schlimm kommen. Dann ist aus dem Spuk, getragen von großen Teilen der Bevölkerung, eine Menschheitskatastrophe geworden. Und man steht immer noch fassungslos davor. Sie auch?
Stern: Obwohl ich mich in meiner Arbeit seit vielen Jahren und jetzt noch täglich mit diesem Phänomen und seinen Folgen beschäftige, habe ich keine endgültige Theorie dazu. Wir kennen Faktoren: Die große Arbeitslosigkeit, die Ungerechtigkeit der Güterverteilung - all das spielt mit. Aber ob schon jemand bis an die letzten Punkte der Motivation vorgedrungen ist, das bezweifle ich.

Guy Stern über Holocaust: Rettung der Familie knapp gescheitert

Wie haben Sie das damals erfahren?
Stern: Wir verstanden uns als deutsch-jüdisch, wir waren befreundet mit deutsch-christlichen Nachbarn. Es schien unmöglich, dass sie einem Hitler folgen könnten. Aber dann wirkten Furcht und sicher auch die ausgeklügelte Propagandamaschine. All das wissen wir heute. Aber wissen wir auch alles? Haben wir die Erkenntnis?
Und haben wir die Lehren? Vieles scheint inzwischen in die Geschichte gerückt und nicht mehr als existenziell begriffen zu sein.
Stern: Die Wahlerfolge der rechten Parteien sprechen dafür, dass viele nicht mehr wissen, dass sie gebrannte Kinder sind - nur eben drei Generationen entfernt. Und sie erinnern sich nicht mehr daran, was damals über das Land und die Menschen gekommen ist.
Sie haben alle Ihre Angehörigen im Holocaust verloren. Nur Sie selbst konnten gerettet werden?
Stern: Das war ein großer Glücksfall. Meine Eltern hatten entschieden, erst einmal sollte der Älteste außer Landes. Er würde vielleicht etwas für die Familie tun können. Meine Mutter hatte einen Bruder in St. Louis, USA. Der verfügte aber nicht über die finanziellen Mittel, eine solche Hilfe allein zu bewältigen. Schließlich, was ich erst vor fünf Jahren erfuhr, gab es in den USA einen jüdischen Ausschuss, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, 1.000 Kinder zu retten. Ich war eines von denen, die ausgewählt wurden. Ich habe dann versucht, auch meine Familie aus Deutschland herauszuholen. Es wäre mir fast gelungen, aber dann hat es sich in letzter Minute zerschlagen.
Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie halten können?
Stern: Ich habe einen letzten Brief von ihnen aus Warschau erhalten, das sagte alles. In Hildesheim gab es zwei Familien, die meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester zu helfen versucht hatten, so gut sie es eben vermochten. Ich konnte 1945, noch in Uniform, nach Hildesheim reisen und erfuhr von einer dieser Familien Näheres über die Deportation.

Guy Stern im Zweiten Weltkrieg: Verschiedene Schuldansichten bei Deutschen

Sie sind einer der Ritchie Boys gewesen, die nach der kämpfenden Truppe in der Normandie landeten?
Stern: Ja.
Und Sie haben deutsche Kriegsgefangene und Überläufer verhört?
Stern: So ist es. Es ging darum, wichtige militärische Details aus diesen Männern herauszuholen. Am 27. Januar werde ich in Anerkennung meiner damaligen Tätigkeit den Orden eines Chevaliers der französischen Ehrenlegion verliehen bekommen.
Sie waren damals gerade 22 Jahre alt. War es nicht schwierig, diesen Deutschen gegenüberzutreten? Welches Bild gaben sie ab?
Stern: Zunächst, in den ersten Wochen, waren sie noch ziemlich gewiss, dass sie unsere Invasion zurückschlagen würden. Später wurde es ihnen bewusst, dass der Krieg verloren sein würde.

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Guy Stern (l.), Walter Sears (M.) und Fred Howard am 8. Mai 1945. Das Bild stammt aus dem Film „Hass auf Hitler - Deutsche in US-Uniform“ von Christian Bauer, der 2005 in der ARD lief.
Foto:
WDR/TANGRAM Filmproduktion

Sie haben wirklich 1944 noch geglaubt, gewinnen zu können?
Stern: Oh ja! Jedenfalls gab es viele, die glaubten, noch an beiden Fronten siegen zu können. Andere aber nicht, sie waren froh, in Gefangenschaft zu sein und haben auch bereitwillig geholfen.
Gab es ein Bewusstsein von Schuld?
Stern: Einige waren überzeugt, den richtigen Befehlen gefolgt zu sein. Andere sagten, sie seien auf Hitler hereingefallen. Einer war Kommunist, hatte im Konzentrationslager gesessen, war dann entlassen und in die Truppe gesteckt worden. Der ist übergelaufen, sobald er konnte. Es gab also ein breites Spektrum. So hatte ich auch mit einem Arzt zu tun, der an dem Euthanasieprogramm beteiligt gewesen war. Der sagte, es sei doch so, dass man ein Volk reinigen müsse. Der war vollkommen überzeugt davon und sagte es auch offen.
Wie fühlten Sie sich nach solchen Gesprächen?
Stern: Zunächst, 1944, war unsere Aufgabe ja rein militärischer Natur: Es ging nur darum, taktische und strategische Informationen zu sammeln. Später, um die Jahreswende 1944/45, als wir auch Kriegsverbrecher entlarven sollten, bin ich stärker mit den politischen Anschauungen der Gefangenen konfrontiert worden. Aber auch hier ging es vor allem darum, Informationen zu erlangen.
Gleichwohl muss es ernüchternd gewesen sein, auf verblendete Menschen zu treffen?
Stern: Allerdings.

Guy Stern zu Schuldfrage: „Alle in einen Topf zu werfen, wäre falsch gewesen“

Sie trafen ja auch auf Menschen, die aus dem gleichen Land stammten, mit denen Sie aufgewachsen waren.
Stern: Einer der etwa 1.000 Männer, die ich zu befragen hatte, war in der Tat Mitglied des selben Turnvereins gewesen, dem auch ich angehört hatte. Ich erkannte ihn anhand seines Soldbuches. Er war erstaunt, wie viel ich über ihn wusste. Aber ich habe mich nicht zu erkennen gegeben, es war uns streng verboten, persönliche Dinge preiszugeben. Heute weiß der Mann natürlich davon. Er lebt noch. Ich habe mich nach ihm erkundigt.

Freitag, 3. März 2017

Pavel Hoffmann erzählt von seinem Schicksal

Holocaust-Opfer Pavel Hoffmann erzählt von seinem Schicksal

Autor: Anita Molnar


Betroffenheit löste der 78-jährige Pavel Hoffmann aus Reutlingen (Zweiter von links) bei seinem Vortrag im Kurhaus Bad Liebenzell aus, zu dem Bürgermeister Dietmar Fischer, Schuldekan Thorsten Trautwein und der geschäftsführende Leiter von Zedakah, Frank Clesle (von links) eingeladen hatten. Foto: Molnar
Betroffenheit löste der 78-jährige Pavel Hoffmann aus Reutlingen (Zweiter von links) bei seinem Vortrag im Kurhaus Bad Liebenzell aus, zu dem Bürgermeister Dietmar Fischer, Schuldekan Thorsten Trautwein und der geschäftsführende Leiter von Zedakah, Frank Clesle (von links) eingeladen hatten. Foto: Molnar



02.02.2017
Bad Liebenzell. Er war vier Jahre alt, als er 1943 mit seiner Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt kam. Pavel Hoffmann überlebte – als einziger seiner Familie. Heute ist der 78-Jährige aus Reutlingen als einer der letzten Zeitzeugen auf Veranstaltungen und in Schulen unterwegs, um über sein Schicksal zu sprechen. „Ich versuche, die Zuhörer nicht nur aufzuklären, sondern auch vor der Gehirnwäsche zu warnen“, sagte Hoffmann bei seinem Vortrag anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Kurhaus Bad Liebenzell. Wichtig sei ihm vor allem, gegen das Unwissen und den weltweit anwachsenden Antisemitismus zu kämpfen.
1939 als Sohn eines jüdischen Ärzte-Ehepaars im besetzten Prag geboren, kam er mit dem letzten Transport nach Theresienstadt. Sein Vater war 1942 bei einer Racheaktion der Wehrmacht erschossen worden. Ein Jahr zuvor standen bereits seine Großeltern mit 120 000 weiteren Juden auf der Todesliste, sie kamen 1942 in Auschwitz ums Leben. Vier Generationen wurden dort allein in der Familie seiner Mutter, die als 34-Jährige starb, ermordet. Dass Hoffmann zwei Jahre in Theresienstadt blieb, sei ein Wunder gewesen, die meisten Kinder seien nach Auschwitz deportiert worden. Seine Rettung kam mit dem „Schweizer Transport“ im Februar 1945. Heinrich Himmler wollte durch die Befreiung von Juden seine Schuld mildern, traf sich – unter anderem in Bad Wildbad – mit dem damaligen Bundespräsidenten der Schweiz. Doch Hitler kam dahinter, so dass es bei einem Transport blieb. Mit 1200 Juden kam Hoffmann so als einziger Vollwaise nach St. Gallen und später nach Prag.
Es gebe, so Hoffmann, eine weltweite Hetze gegen Juden. Zudem hätten 90 Prozent der Schüler in den besuchten Klassen noch nie etwas Positives über Israel gehört.
Mehr lesen Sie am Freitag in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.


„Bittere Vergangenheit! – Bessere Zukunft?“

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Vom Verein Child Survivors Deutschland, mit Herausgeber Dr. Philipp Sonntag   /  phil.sonntag@t-online.de
erscheint ab April 2017 eine Buchreihe  
„Bittere Vergangenheit! – Bessere Zukunft?“
im
Hentrich & Hentrich Verlag Berlin   /   Inh. Dr. Nora Pester
Wilhelmstraße 118   in    10963 Berlin
Tel.: +49 – 30 – 609 23 865   /   Fax: +49 – 30 – 609 23 866
E-Mail: info@hentrichhentrich.de    /   www.hentrichhentrich.de

Die Buchreihe wird gefördert vom Zentralrat der Juden in Deutschland und von der Stiftung EVZ – Erinnerung, Verantwortung, Zukunft.
Sie beginnt im April 2017 mit:
  • Band I, Autor Philipp Sonntag: Wir Überlebende des Nazi-Terrors in Aktion
  • Band II, Liesel Binzer: Ich prägte mein Leben in / wegen / trotz Theresienstadt
Child Survivors haben als jüdische Kinder die Verfolgung der Nazis bis 1945 überlebt, viele mit körperlichen und emotionalen Verletzungen, die sie bis jetzt belasten. Sie können sich gut in Verfolgte aller Art versetzen. Einige der Überlebenden waren damals Flüchtlinge.
Haben Child Survivors auch eine Meinung? Oh ja, und hochaktuell: sie können erahnen, wie es verfolgten Kindern in ihren nächsten 70 Jahren ergehen wird – sowohl in einem feindlichen, als auch in einem wohlwollenden Umfeld. Einige geben Empfehlungen für die Gesellschaft/Politik, für Juden, für Israel und Umgang mit Israel, für die Bildung von Kindern und Jugendlichen. Ein Beispiel für ein Fazit ist: Ein Kind kann einen Unfall verstehen, es braucht dabei für Trauerarbeit dringend Hilfe. Aber kein Kind versteht jahrelanges Leiden in einem Faschismus, der jegliche Hilfe und Fluchtmöglichkeit verweigert. Sogar die Kinder von Child Survivors haben Probleme und Ideen: Im Buch von Liesel Binzer sind Berichte ihrer drei Kinder und eines Enkels mit dabei.
Als weitere Bände sind vorgesehen, mit Stand der Planung Frühjahr 2017:
Band III: Experten äußern sich zu Erfahrungen im Umgang mit Child Survivors
Band IV: Child Survivors mit eigenen Beiträgen als Zeitzeugen, aus einer Fülle verschiedenartiger Erfahrungsbereiche
Band V: Eventuell Beiträge in Hinsicht auf künstlerische Eindrücke und Produkte  

Gedenkveranstaltung am 24. Januar 2017

Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages
am 24. Januar 2017 in der Synagoge Oranienburger Straße, in Berlin
Vom Gedenken zur Kooperation
Die deutsch-israelischen Beziehungen – eine
generationsübergreifende Aufgabe

Bericht von Dr. Philipp Sonntag

In festlicher Form und mit musikalischem Rahmen wurde die Veranstaltung von der „Initiative 27. Januar“ durchgeführt, mit Unterstützung durch die „Zeugen der Zeit-zeugen“, die „Vereinigte Israel Aktion“, die „Aktion Würde und Versöhnung“ und uns als Kooperationspartner, geleitet durch Matthias Böhning“. Es ging um einen grundsätzlichen Rückhalt für Israel, das wurde bereits deutlich beim engagierten Beitrag von MdB Gita Connemann, mit der Betonung: „Jüdisches Leben ist Teil unserer Identität!“ und ihrer Anerkennung der Kooperation von Jugendlichen aus Israel und Deutsch-land. Ganz entsprechend wies Rogel Rachmann, der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der „Israelischen Botschaft Berlin“ auf den Zusammenklang der Jugend in beiden Ländern hin und ebenso auf den Beitrag der Child Survivors, von uns ebenso wie von den post-sowjetischen „Phönix aus der Asche“. Die Hauptrede hielt unser Vereinsmitglied Pavel Hoffmann. Er spannte den Bogen bis zu den Anfängen der Verfolgungen der Juden, („seit der Zeit in der die Römischen Heiden den jüdischen Gott vereinnahmten“). Aktuell präsentierte er sich als „einer der jüngsten Überlebenden des größten Verbrechens.“ In diesem Sinne sind die jetzigen SchülerInnen die letzte lebende Generation, welche noch in der Lage ist, einen Eindruck von Überlebenden als Zeitzeugen zu bekommen. In bewegenden Worten schilderte Pavel die Tragik der fast vollständigen Ermordung seiner Familienmitglieder, wie über das tragische Schicksal des sog. Tschechischen Familien-Lagers in Auschwitz, das fast vollständig (4000 Kinder, Frauen und Männer) in einer einzigen Nacht in den Gaskammern vernichtet worden ist. Das Besondere an diesem Tag war, dass die zum Tod Verurteilten kurz vor der Ermordung die Hatikva - das ist die heutige israelische Hymne - und die tschechische Nationalhymne gesungen haben. Pavel wollte damit jenen, die den Juden die einzige Nationalheimstätte die sie haben nicht gönnen, aufzeigen wie wichtig Israel als Hoffnung auch für die todgeweihten Juden bereits damals war. Außerdem hat er auf die Seltenheit des Schicksals von Überlebenden hingewiesen – und natürlich auch auf sein eigenes Überlebens des KZ Theresienstadt. Seine Empörung richtete sich vor allem auch auf die Nachkriegs-Ermordungen der zurückkehrten jüdischen Häftlinge, die das Grauen überlebt haben im damals stark antisemitischen Polen. Er kritisierte die Gehirnwäsche, die irreführenden Darstellungen bezüglich Israel in einigen heutigen Schulbüchern: „Ein wehrhafter Jude ist für viele Deutsche und Europäer unerträglich!“ Israel hat aus Wüsten und Sümpfen einen modernen und demokratischen Staat aufgebaut, aber in deutschen Schulen hätte kaum jemand etwas positives über Israel gehört, dies belastet die Zukunft in völlig unangemessener Weise. Josias Terschüren, Direktor der Öffentlichkeitsarbeit für „Initiative 27. Januar“, erläuterte die historische Entwicklung des Antisemitismus von religiösen Aspekten über rassistische nun hin zu menschenrechtlichen, mit jeweils willkürlichen Anklagen gegen die Juden. Ein „Nie wieder!“ soll von daher auch für die Vermeidung von Infragestellung des Staates Israel gelten. Zum Abschluss hob Harald Eckert von den „Christen für Israel“ hervor, dass eine Kooperation mit Israel von zentralen Kräften der deutschen Gesellschaft ausgehen soll, so von Eliten ebenso wie von der Politischen Mitte und von den Kirchen. Insgesamt wurde deutlich, wie es eine Herausforderung und Aufgabe für alle Generationen ist, über Israel korrekt zu berichten und generell in engagierter Kooperation für eine zukünftige menschenwürdige Welt Akzente zu setzen.

Mittwoch, 1. März 2017

Die vielen Facetten rechter Gewalt

 tlz.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Die-vielen-Facetten-rechter-Gewalt-1282645288

Rassistische Übergriffe gibt es in Thüringen auch in Schulen. Oft sind Gleichaltrige die Täter, wie die mobile Beratungsstelle festgestellt hat. Foto: Alexander VolkmannRassistische Übergriffe gibt es in Thüringen auch in Schulen. Oft sind Gleichaltrige die Täter, wie die mobile Beratungsstelle festgestellt hat. Foto: Alexander Volkmann
Erfurt. Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt hätten in Thüringen oft den Eindruck, sie würden nicht ernst genommen, wenn sie bei der Polizei vorstellig werden. Das hat die Projektkoordinatorin von Ezra, Christina Büttner, gestern in Erfurt kritisiert.
Die Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt hat ihre Jahreszahlen vorgestellt und dabei erneut einen sprunghaften Anstieg der Übergriffe ermittelt – zumindest unter Bezug auf die Taten, die Ezra bekannt wurden.
Im vergangenen Jahr habe es, so Büttner, nur insgesamt drei Fälle gegeben, in denen Opfer, die bei der Polizei Anzeige erstattet haben, zur Beratungsstelle weiter vermittelt wurden. Das zeige, so Büttner, exemplarisch, "dass bestimmte Empfehlungen des Untersuchungsausschusses ‚Rechtsterrorismus und Behördenhandeln‘ noch nicht im Ansatz umgesetzt wurden". Der Ausschuss beschäftigt sich nach der Selbstenttarnung der Terrorzelle NSU, die für zehn Morde verantwortlich gemacht wird, mit möglichem Behördenversagen. In Thüringen gibt es mittlerweile schon den zweiten sogenannten NSU-Untersuchungsausschuss. Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion im Thüringer Landtag, sagte mit Blick auf die Ezra-Veröffentlichungen: "Auch mehr als fünf Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU hat Thüringen ein gewaltiges Problem mit rechter Gewalt, dem die Landesregierung mit noch intensiveren Anstrengungen begegnen muss."
Kritik an Ezra kam hingegen von der rechtskonservativen AfD. Deren Parlamentarischer Geschäftsführer im Thüringer Landtag, Stefan Möller, zog die Statistik in Zweifel: "Die Organisation Ezra ist bereits in den vergangenen Jahren dadurch aufgefallen, dass Fälle statistisch erfasst wurden, die nachweislich keinen rassistischen oder rechtsextremistischen Hintergrund aufweisen." Er warf Ezra vor, "eine rechtsextremistische Gefährdungslage deutlich überdimensioniert darzustellen".
Christina Büttner machte hingegen ohne Kenntnis des AfD-Statements schon bei der Vorstellung der Zahlen deutlich, dass längst nicht alle Übergriffe, die Ezra bekannt geworden seien, in der Statistik auftauchten. Es gebe auch Gewaltakte, bei denen bisher nicht eindeutig geklärt ist, ob sie rechtsextremistisch oder rassistisch motiviert gewesen seien. Diese seien bei den 160 Fällen nicht dabei.
Der Leiter des vor einem halben Jahr gegründeten Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in JenaMathias Quent, warnt davor, dass eine neue Terrorzelle wie der NSU entstehen könnte. "Man sieht die Parallelen zu den frühen 90er-Jahren", sagte Quent in Anlehnung an die damals in den Untergrund gegangenen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Er fragt: "Was haben wir daraus gelernt?" Er zieht die Vergleiche zu den frühen 90er-Jahren vor allem deshalb, weil das NSU-Trio sich deutlich radikalisierte, als eine gewisse Bewegung in der Bevölkerung, die für diese Rassismus und rechte Gewalt vorhanden war, wieder abgeflaut war. Ähnliche Beobachtungen gebe es jetzt ebenfalls. Dann bestünde die Gefahr, so Quent, dass einige übrig blieben, die sich nach dem Motto "Jetzt erst recht" weiter radikalisieren würden.
Die Beobachtungen von Ezra dahingehend zeigen eine Zunahme an Brutalität. Unter den 160 Übergriffen waren 45 gefährliche Körperverletzungen. Auch vor Kindern und Jugendlichen werde kaum mehr Halt gemacht – 31 Mal waren sie Opfer derartiger Attacken.
Als einen regionalen Brennpunkt hat Ezra den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt ausgemacht. Hier gebe es, erklärt Stefan Heerdegen von Mobit, eine Gruppe, die sich "Anti-AntifaOstthüringen" nennt und kein Problem damit habe, gewalttätig gegen Personen vorzugehen, die von ihnen als politische Gegner ausgemacht wurden.